Sung-Hyung Cho

Regiekommentar

FULL METAL VILLAGE ist für mich ein Heimatfilm. Eine Gesellschaftsstudie über die dörflichen Gemeinden um Wacken in Schleswig- Holstein, wobei das Heavy-Metal-Musikfestival als Rahmenhandlung dient. 

Die Frage, warum denn gerade ich, eine Ausländerin, ausgerechnet über diese Gegend eine Seelenstudie betreiben will, lässt sich so beantworten: Was ich über „Wacken“ gelesen und gehört habe, schien mir diametral zu dem Bild zu sein, das ich mir während meines langjährigen Aufenthalts über „Deutsche” gebildet habe.

Ich konnte es erst gar nicht glauben. Da fallen riesige wilde Horden in ein kleines verschlafenes Dorf ein, und alles läuft offenbar ganz anders ab, als man erwarten könnte. Es geht also scheinbar auch anders. Aber warum?  Mein Blick ist der einer Ausländerin, die seit siebzehn Jahren in Deutschland lebt, die sich aber immer noch fremd fühlt. Für dieses Gefühl reicht es, wenn ich z.B. wieder mal von der noch nach Babypuder riechenden Aushilfe in der Landmetzgerei behandelt werde, als ob ich nicht mal selbst meine Wurstbestellung abgeben könnte. 

Mittlerweile habe ich persönlich die „Norddeutschen“, die angeblich kühl und stur sein sollen, kennen gelernt. Sie sind alles andere als das, was man mir erzählt hat. Das sind Menschen, die sehr aufgeschlossen, kontaktfreudig, redselig, lustig und sogar temperamentvoll (!) sind. In Wacken wirst du als Fremde überall freundlich begrüßt, und in jeder Ecke wird ausgiebig geschnackt - auch mit den Fremden -, in der Bäckerei, im Supermarkt, in der Dorfkneipe, auf den Straßen. Für mich war das alles sehr neu. Während wir sechs Wochen lang in Wacken mit den Leuten gedreht und gelebt haben, habe ich mir diese Mentalität liebend gern angeeignet.

Interview

geführt von Rüdiger Suchsland 

Zuerst interessiert mich, was dieser Film für dich ist. Ist es eine Dokumentation, ein Essay, oder ist es nicht zuletzt auch eine Komödie? 

Ich würde eher sagen, dass es eine ernste Studie ist. Ich bin ein ganz ernster Mensch, ich sehe nicht so aus, aber ich bin sehr ernst. Der Film ist sicher oft lustig, und das ist auch so gewollt, da komische Brechungen sehr dankbar für das Publikum sind. Ich glaube auch, dass Dokumentarfilme fürs Kino immer ein Stück Unterhaltung bieten müssen, aber mein Antrieb, den Film zu machen, war ernst. Was mich am meisten interessiert an dem Film und an dem Thema ist, wie diese zwei Kulturen, die scheinbar so unterschiedlich sind, zusammenkommen. Das ist ein ewiges Thema für mich: Was ist eigen, und was ist fremd? Was passiert, wenn zwei Kulturen aufeinanderprallen? 

Als du das erste Mal in Wacken warst, war das wegen des Festivals? 

Nein, das nicht. Ich bin kein Heavy Metal Musik Fan. Als Teenager habe ich Heavy Metal gehört, zum Beispiel Judas Priest, aber ich war eigentlich nie richtiger Heavy Metal Fan. Als ich 2004 zu recherchieren begann, war ich zum ersten Mal in Wacken. 

Wie bist du zu diesem Film gekommen? 

Auslöser dafür war ein Foto in der FAZ, das war im Jahr 2002. Da habe ich dieses Bild entdeckt in der Zeitung, auf dem vier gut aussehende Männer zu sehen waren: Oberkörper nackt, voll tätowiert, in schwarzen Lederhosen mit Ketten und Nietengürtel und lange Haare bis zum Arsch, und davor saß eine Kassiererin mit Kurzhaarschnitt und Perlen-Ohrringen und ganz brav. Als ich das Bild sah, dachte ich mir ‚Wow, was ist das denn?!’. Dieser Unterschied war wirklich so krass, diese Heavy Metal Fans und diese Frau vom Dorf, da dachte ich ‚Ja, das ist erzählenswert’. 

Wie ist denn das normale Leben in dem Dorf, wenn kein Open Air ist? 

Wacken hat nur 1800 Einwohner. Das ist wirklich ein kleiner Ort, und früher waren alle Bauern. Also nicht alle, aber sehr viele, und es gab viele Höfe. Aber wie das so ist in Europa - als Bauer zu überleben ist sehr schwer geworden, und deshalb ist ein Hof nach dem anderen kaputt gegangen. Es gibt jetzt wirklich nur noch eine handvoll Höfe, die noch intakt sind, und Industrie gibt es dort gar nicht. Die Leute, die dort leben, arbeiten meist in Itzehoe. Es gibt ein paar Geschäfte, aber diese können nicht alle Leute beschäftigen, und deshalb ist die Arbeitslosigkeit dort auch sehr hoch. Deswegen wäre das Dorf ohne das Wacken Open Air wirklich arm. 

Wie bist du im Dorf aufgenommen worden? 

Ich kenne Deutsche eher als verschlossen und etwas zurückhaltend. Man braucht immer ein bisschen Anlaufzeit, bis man warm wird. Aber die waren nicht so. Die waren sehr aufgeschlossen und auch temperamentvoll. Ich dachte, ich bin im Ausland. Ich glaube, das liegt an dem Ort und daran, dass sie es gewöhnt sind, mit Fremden umzugehen. Allerdings liegt das auch an den Fremden, weil sie das Dorf weltweit bekannt gemacht haben. Auch in Südkorea kennt man Wacken. Wenn man Heavy Metal Musik hört, ist das Festival auf der ganzen Welt ein Begriff. Und es ist wirklich der Wunsch aller Heavy Metal Fans weltweit, einmal nach Wacken zu fahren. Daher sind sie auch sehr stolz auf das Festival. 

Das ist eine gute Gelegenheit, dass du ein wenig von dir erzählst. Du kommst ja ursprünglich aus Südkorea. Du hast dort gelebt und bist dort aufgewachsen, und dann bist du nach Deutschland gekommen. Wann war das? 

Das war 1990, im Jahr des ersten Wacken Open Air (lacht). Ja, am 24. März 1990 bin ich nach Deutschland gekommen, nach Marburg. Ich wollte nicht in eine Großstadt, weil ich doch in Seoul, der Hauptstadt, studiert und gelebt habe. Seoul hat elf Millionen Einwohner und drei Millionen Pendler. Ich wollte wirklich eine kleine Stadt, in der ich in Ruhe studieren konnte und meinen Drang nach Wissen stillen konnte. Daher war ich von Marburg begeistert. Ich habe zum Anfang kaum etwas verstanden, und alle schienen mir so gebildet und intellektuell, aber als ich nach drei Jahren fast alles verstehen konnte, dachte ich mir ‚Wow, was für ein Gequatsche hier im Seminar’. Zuerst war ich sehr begeistert von Deutschland, aber nach drei Jahren etwas genervt. 

Aber du hast das Studium geschafft, und du bist dann auch in Hessen wohnen geblieben. Da wohnst du immer noch. 

Ja, ich wohne jetzt in der Nähe von Frankfurt. Nach Marburg wollte ich halt ein ganz kleines bisschen Anonymität, und deshalb bin ich nach Frankfurt gegangen. Ich kannte nur eine einzige Frau, ansonsten niemanden, und ich fühlte mich so frei, anonym zu sein, und daher bin ich dann in Frankfurt geblieben. Ich mag Frankfurt sehr, vielleicht auch aus dem Grund, weil dort so viele Ausländer leben. Ich fühlte mich dort nicht wie ein Ausländer. Ein Drittel der Frankfurter sind Ausländer. 

Du wohnst jetzt siebzehn Jahre in Deutschland und damit bist du doch keine Ausländerin mehr, oder? 

Mittlerweile wohne ich auch nicht mehr in Frankfurt, sondern in einem kleinen Dorf im Hinter-Taunus. Dort ist es wieder so, wie ganz zum Anfang in Marburg. Ich merke ganz stark, dass ich Ausländerin bin dort im Dorf, und wenn ich in die Metzgerei gehe und sage „100g Ungarische Salami bitte“ und sie dann: „Was? Schweinelende?“ - Sie verstehen mich falsch. Dabei muss ich dann immer an den Film „Angst essen Seele auf“ von Fassbinder denken. Da gibt es diesen kleinen Laden, wo Ali immer einkaufen geht, und der Verkäufer will ihn nicht verstehen. Das ist genau so wie bei mir. Die wollen mich einfach nicht verstehen, habe ich das Gefühl. Wenn ich jetzt nach Südkorea zurückkehren würde, wäre das auch wieder komisch. Ich wüsste noch nicht einmal, wie viel ich im Bus bezahlen muss, oder wie das überhaupt geht. Das Land ist hoch technisiert, und ich komme dort manchmal halt nicht zurecht. Das klingt irgendwie ein bisschen platt und klischeehaft, so wie Leben zwischen zwei Welten, aber es ist tatsächlich so. 

Daher auch dieses Interesse des Filmes an der Frage: Wie funktioniert das, wenn zwei Kulturen aufeinander prallen. 

Der Film hat schon eine starke biografische Motivation. Die Frage, wie zwei Kulturen miteinander zurechtkommen, hat mich den größten Teil meines Lebens begleitet. Was ich als Studentin in Südkorea erlebt habe, war nicht anders. Es gibt gegensätzliche Meinungen - wie geht man damit um, das interessiert mich auch. In Südkorea war alles oft sehr brutal, gerade während der Zeit der Studentenunruhen. 

Der Film erzählt hauptsächlich vom Dorfleben. Jede Figur repräsentiert bestimmte Facetten: Vergangenheit, Zukunft in den Generationen, das Berufsleben und das Privatleben. Wir lernen Wacken kennen, wir sehen es aus deiner Perspektive und dann, im letzten Drittel, fallen die Fremden ein. Wir sehen aber nicht, wen die da eigentlich kennen lernen, und wir selber lernen auch keinen Heavy Metaller kennen, der uns mal seine Geschichte erzählt oder seine Musik erklärt. Warum hast du dieses Ungleichgewicht erzeugt? 

Ja, ganz zum Anfang wollte ich eigentlich auch Protagonisten vom Heavy Metal. Ich wollte wirklich diese zwei Welten darstellen. Die Welt dieses Dorfes und die Welt der Heavy Metal Fans. Die gewöhnliche Welt und die andere Welt sozusagen. Beim Recherchieren habe ich aber gemerkt, dass das nicht funktioniert. Aus dem Grund, weil der Bezug der Dorfbewohner zum Festival viel existenzieller ist. Oma Irmchen zum Beispiel mag das Festival nicht. Nicht, weil sie die Leute nicht ausstehen kann oder so, sondern weil sie religiös ist. Sehr, sehr religiös und streng gläubig. Das hat mit ihrer Biografie zu tun. Sie ist eine Flüchtlingstochter aus Ostpreußen. Sie hat einen langen und schwierigen Weg von Ostpreußen nach Schleswig-Holstein durchgemacht und hat unterwegs Tote gesehen und Tod erlebt. Sie ist überzeugt davon, dass der liebe Gott ihre Familie geschützt hat, und deswegen ist sie sehr gläubig, und deswegen ist sie gegen das Wacken Open Air. Das ist etwas Essentielles und etwas ganz Rührendes. 

Auch wenn Bauer Trede die Geschäfte macht, ist das sehr essentiell. Als Bauer ist es nicht einfach zu überleben. Ohne Subventionen kommen die nicht klar. Daher guckt er immer nach anderen Möglichkeiten, seinen Hof weiterzuführen. So kam es auch zustande, dass er der Chef der Ordner wurde, die Felder verpachtet und so weiter. Das ist auch sehr essentiell. Und wenn er sagt: „Du musst dem Geld entgegen laufen“, dann ist das nicht einfach ein Witz, sondern er meint es ernst. Es ist seine Lebensphilosophie. 

Auch Katrin, die Schülerin. Das ist so ein kleines Dorf, da gibt es so wenige Alternativen für junge Leute, und das Leben ist wirklich so schlicht und einfach. Da sucht sie nach Alternativen für ein anderes Leben, und das Festival mit Fremden aus aller Welt ist wie ein Rettungsanker. Das ist die weite Welt für sie, und das ist wieder essentiell. 

Für die Heavy Metal Fans, die dort hinkommen, ist das Urlaub. Eine Woche im Jahr die Sau rauslassen, mehr ist da nicht dran. Natürlich, wenn man die Leute näher kennen lernt, ist das sicher interessant. Die Musik wird ja immer digitaler, und die Welt wird auch immer virtueller, und Heavy Metal ist einfach richtig körperlich und materiell. Da gibt es noch Leute, die schreien und singen mit vollem Körpereinsatz auf der Bühne, und der Schweiß perlt. Das ist wirklich materiell im Gegensatz zu dieser virtuellen Welt. Es ist sehr interessant. Aber wenn ich dort in die Tiefe gegangen wäre, hätte sich der Film zu weit von der Grundidee entfernt, und deswegen haben wir das weggelassen. Ausserdem kannst Du keinen Film über Menschen machen, die nur glücklich sind. Die Metaller in Wacken sind alle im 7. Himmel, im Paradies. Menschen im Paradies ist das langweiligste für eine Filmemacherin.

Die Dorfbewohner sind die Protagonisten, die agieren, und die wir wahrnehmen. Auch beim Festival sind sie diejenigen, denen wir folgen. Die Metal Fans sind eher Objekte der Wahrnehmung. Das war eine ganz bewusste Entscheidung. 

Hast du eigentlich bestimmte Vorbilder gehabt oder bestimmte Filme im Kopf? Das soll so werden wie ... ?! 

...„From Dusk till Dawn“ (lacht). Ich mochte diesen Wendepunkt sehr. Es beginnt wie ein Gangster-Road-Movie, und dann wird es irgendwann zu einem Vampir-Film. Das war so ein Schockmoment im Kino damals bei der Berlinale, und das war so gigantisch, dieser Lachanfall und auch der Schock. Von da an wollte ich dann auch so eine ganz klare Zäsur im Film. Und in Bezug auf die Struktur war mein Vorbild Robert Altmann. 

Was noch toll an deinem Film ist, ist die Bildgestaltung. Besonders die Kadrierung. Woher kannst du das? Hast du das abgeguckt bei anderen Filmen? 

Ich komme ja von der Kunstgeschichte. Bildbetrachtung und Analyse - da bin ich relativ fit. Ich muss aber auch meinen Kameramann Marcus Winterbauer loben. Er hat wirklich tolle Arbeit geleistet. 

In dem Film ist ja auch Musik zu hören, die teilweise auch komponiert wurde. Von wem denn? 

Von Peyman Yazdanian. Er ist Perser, der Musik gemacht hat für den Heimatfilm einer Koreanerin in Deutschland (lächelt). Er hat die Titelmusik komponiert. Zuerst hatten wir Layoutmusik aus Korea, und diese Musik hat ihn inspiriert, etwas völlig Neues zu schaffen. Die Musik hat etwas Fremdes, das weder vom Dorf ist, noch vom Heavy Metal kommt, und auch nicht aus Deutschland. So hört sich der Blick eines Fremden auf Wacken an. Er spricht übrigens kein Deutsch und hat die Musik nur auf die Bilder komponiert. 

Gleichzeitig schafft die Musik eine bestimmte Atmosphäre. Die Musik erklärt den Zuschauern ein bisschen, wie der Film zu „lesen“ ist. Ich höre bei der Musik ein wenig „Augenzwinkern“ - sie sagt „du darfst lachen, mach dich locker, Publikum“. 

Ja, ein bisschen schon. Mein Wunsch an Peyman war: Bitte mach Musik wie Katzenschritte. So ganz leicht, aber elegant, aber trotzdem bestimmt und präzise. Das hat er dann gemacht. 

Glaubst du, dass dein Film etwas Koreanisches hat? Eine koreanische Perspektive oder ähnliches? 

Also höchstens durch meine Person und Sozialisation oder die Sensibilität für unterschiedliche Kulturen. Das ja. Momentan wird das koreanische Kino sehr bejubelt und ist auch wirklich stark, aber damals, als ich noch dort gelebt habe, war es sehr armselig. 

Ich habe eigentlich überhaupt keine Vorbilder aus dem koreanischen Kino. Als ich das erste Mal darüber nachgedacht habe Film zu machen, hatte das nichts mit koreanischen Filmen zu tun. Das waren deutsche Filme, "Absolute Filme" von Oskar Fischinger oder Hans Richter. Das waren experimentelle Filme. Eher das, aber koreanisches Kino... Nein, nicht wirklich. 

Wie geht's weiter bei dir? Kennst du schon dein nächstes Projekt? 

Ja, aber nur ganz vage. Wacken hat mich irgendwie dazu gebracht, einen Heimatfilm zu machen, und das möchte ich gerne vertiefen. 

Als Spielfilm? 

Nein, einen Dokumentarfilm! Ach, genau, das muss ich noch erzählen, warum der Film ‚Heimatfilm’ heißt. Ich hatte beim Wacken Open Air das erste Mal Blasmusik live kennen gelernt und war vollkommen begeistert. Als ich die Blasmusik auf die Anfangsbilder legen wollte - für diese Fahrt-Aufnahme durch das Dorf - haben sich einige richtig aufgeregt, als sie das gesehen hatten. Eine Freundin hat mir dann noch erzählt, wenn man diese Landschaft sieht und die Blasmusik hört, kommt ein ganz starkes Heimatgefühl hoch. Da dachte ich mir: ‚Okay, ihr habt Probleme mit eurer Heimat, dann ist das ein Heimatfilm’.

Das war einfach eine Trotzreaktion. Ich habe mich aber in Wacken auch sehr heimisch gefühlt. Das kollektive Zusammenleben, der schöne Himmel, die Nähe zum Meer. Das war wie bei mir zu Hause in Pusan. Und ich möchte einen Appell an die Deutschen richten: Sie sollen mit ihrer Heimat zurechtkommen. Wenn man seine Heimat nicht liebt, kann man Fremde auch nicht lieben. Auch uns Ausländer. Wie sollen wir unsere Identität finden? Womit sollen wir uns identifizieren, wenn die Deutschen selber so viele Probleme mit sich und der Heimat haben?! 

Guter Punkt. Mit diesem Appell an die Deutschen machen wir Schluss. 

 

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