Sung-Hyung Cho

Regiestatement


»11 Freundinnen« (AT) – noch ein Fußballfilm ?  

Ich wuchs in einem Land auf, in dem Fußball sehr lange als marginaler Sport galt. So hatte ich meinen ersten Kontakt mit dem Phänomen „Fußball“ erst in Deutschland. Ich war damals frisch im „Land der Dichter und Denker“ und kannte deren Sprache nur aus dem Deutschunterricht in Korea. So klang anfangs in meinen Ohren selbst die Ansage der Marburger Busfahrer nach purer Poesie: „Rudolf Bultmann Strasse, Robert Koch Strasse...mmh“  

Entsprechend geschockt war ich, als ich am Frankfurter Hauptbahnhof von grölenden Männerhorden erschreckt wurde. Bis dato kannte ich deutsche Männer eher ruhig und zurückhaltend.  Es war für mich ein sehr befremdendes Gefühl,  Deutsche in einer lauten extrovertierten Masse zu erleben. Sie erschienen mir plötzlich primitiv zu sein - nicht mehr so vergeistigt und intellektuell, wie ich sie mir vorgestellt hatte und die Bilder aus dem Bahnhof gingen mir nicht aus dem Kopf.  

Jahre später kam ich während der Recherche zu „Full Metal Village“ wieder mit Fußball in Berührung. Ich tauchte in die Frankfurter Heavy Metal Musikszene ein und  es stellte sich heraus: sie sind alle Eintrachtfans!  So ging ich mit ihnen mal mit und betrat zum ersten Mal in meinem Leben ein Fußballstadion. Es herrschte eine unglaubliche Stimmung. Der Stadionsprecher rief höflich die einzelnen Namen der Gastmannschaft auf, was aus „unserer“ Kurve postwendend mit einem ohrenbetäubenden „Arschloch!“ quittiert wurde. Ich fühlte mich plötzlich seltsam befreit - von jeder gesellschaftlich erwarteten Höflichkeit und Korrektheit. Ich wunderte mich über mich selbst, wie schnell ich mich als Teil dieses atmenden Organismus fühlte und es genoss, synchron mit der Masse hin und her zu wogen, zu singen und zu schreien.  Seit diesem Tag in der gewaltigen Arena mochte ich diese Stimmung, die ich dann in Wacken wiederfand. 

2006 erlebte ich wie alle anderen hier in Deutschland eine Euphorie, einen Stimmungswandel, der sowohl Deutsche als auch uns, Mitbürger mit Migrationshintergrund, sehr glücklich machte. Wir erlebten in größter Harmonie ein vereintes, glückliches deutsches Volk und genossen das neue „Wir“-Gefühl. Die Deutschen standen endlich zu sich selbst und wir „Ausländer“ auch zu Deutschland. Meine neu erworbene Erkenntnis aus „Full Metal Village“ war: derjenige, der in der Lage ist, sich und seine Heimat unverkrampft zu lieben, kann auch Fremde(s) akzeptieren und vielleicht sogar mögen. Vielleicht habe ich deshalb die tolle Stimmung auf der Fanmeile während der WM 2006 besonders bewusst genossen und konnte gar nicht genug davon bekommen. 

Deutschland noch ein Sommermärchen?
Ja, aber weiblich!

 

Als ich dieses Jahr dann angefragt wurde, einen Film über die deutsche Nationalelf der Frauen während der Fußball-WM 2011 zu machen, war meine erste Reaktion aber eher lauwarm:  „Noch einen Fußballfilm?“  Ich muss zugeben, dass ich nicht gerade vor Begeisterung vom Hocker gefallen bin. Denn es gab in letzter Zeit ja öfters Sport- oder Fußballfilme, einige liefen zwar erfolgreich - mehr durch das Event gepusht als unbedingt durch filmische Qualität. Sie entsprachen jedenfalls weder meinem cineastischen Anspruch noch meinem ausgeprägten Unterhaltungstrieb. 

Geködert wurde ich durch den Zufall, dass in Duisburg die deutschen Frauen gegen Nordkorea antraten. Da fuhr ich natürlich gerne hin.  Und ich war begeistert von den kickenden Riesenfrauen und nicht zuletzt von den Damen, deren Superschminke   offenbar locker 90 Minuten Fight durchhielt und die vom Platz gingen, als sei dort nicht  viel passiert.  Als ich erfuhr, dass die meisten Spielerinnen nicht vom Fußball leben können, ihm sich trotzdem mit Leidenschaft widmen, empfand ich große Rührung und Sympathie.  Das friedliche, aber begeisterungsfähige Publikum, das sich reflektierend wie Fußballexperten artikulieren konnte, faszinierte mich ebenfalls. Es wurde mir klar, dass Frauenfußball ein höchst spannendes, komplexes Thema ist und sich hervorragend eignet, um einen Blick auf die deutsche Seele zu werfen. 

Meine Haltung  ist dabei die eines Ethnographen, der Frauenfußball als kulturelles Feld betrachtet, das es neu zu entdecken gilt. Mit meinem fremden Blick fühle ich mich für dieses tiefgründige Vorgehen optimal gewappnet.  Mein Ziel dabei ist es nicht eine vorschnelle Hypothese aufzustellen oder eine Meinung festzulegen. Ich werde in die Szene eintauchen, sie vorurteilsfrei beobachten und darstellen. 

Eine einfach gestrickte Dokumentation des Ereignisses, ohne eine Geschichte erzählen zu wollen, ist nicht in meinem Sinne. Das Event Fußball-WM der Frauen soll sowohl als Rahmenhandlung als auch als dramaturgischer roter Faden dienen. Und schließlich als der Höhepunkt, worauf alles hinaus läuft.

Visuell lasse ich mich von den gut fotografierten Filmen wie „Zidane“, „Höllentour“ inspirieren.  Wir werden mit  kinoerfahrenen Kameramenschen mit hoch auflösenden HD-Kameras drehen. Verwackelte, pixelige, selbst vom Regisseur gedrehte Bilder, die immer physisch nah dran, aber ohne wirklich emotional nah an den Protagonisten zu sein, sind ebenfalls nicht in meinem Sinne. 

Hinsichtlich der Auswertung will ich ein großes Publikum erreichen, das nicht nur aus den Fußballfans, sondern auch aus den Kinogängern ohne Hang zum Fußball bestehen soll. Ich will letztlich einen Film machen, den ich als Nicht-Fußballinsider selber gerne im Kino anschauen möchte: einen anspruchsvollen und zugleich sehr unterhaltsamen Film. 

Sei gespannt und halt die Ohren Steif!

Eure Sung-Hyung

 

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